KatholischeöffentlicheBücherei
St. Marien  Dortmund - Sölde
 

Buchbesprechung



Der Gott der kleinen Dinge
von Arundhati Roy

Der Erstlingsroman "Der Gott der kleinen Dinge" der indischen Autorin Arundhati Roy berührt viele Themen: die Situation der Inder mit hohem Sozialstatus, eine schmierige Tagespolitik, die patriarchalische Nebenbei-Alltäglichkeit, mit der indische Männer ihre Frauen prügeln, das unbarmherzige Kastensystem.

Aus der Sicht zweier Kinder erzählt Arundhati Roy die Geschichte einer indischen Großbürgerfamilie, deren Schicksal an einem einzigen Tag entschieden wird.

Die junge Frau Rahel kehrt zu ihrem Zwillingsbruder Estha zurück, ein schreckliches Ereignis verbindet sie, das den Leserinnen und Lesern in Erinnerungsstücken nach und nach enthüllt wird.

Die Katastrophe ereignet sich an einem Dezembertag der damals siebenjährigen Zwillinge. Eingebettet in eine rangordnungsbewusste Fabrikantenfamilie, gilt ihre große Zuneigung einem Arbeiter aus der Fabrik, einem Paria, einem Unberührbaren, in den sich ihre Mutter leidenschaftlich verliebt.

Im Verlauf einer Nacht wird dieser gesellschaftliche Frevel entdeckt, während zeitgleich eine von der Familie bewunderte Cousine tödlich verunglückt, als sie mit den Zwillingen der Bürgeridylle entfliehen will.

Die Großtante der beiden Zwillinge bezichtigt daraufhin den kastenlosen Freund der Mutter dieser Tat. Unter starkem Druck, und um des guten Rufes willen, dulden die Zwillinge diese Schuldzuweisung, doch auch sie bleiben nicht ungestraft.

Man trennt sie, und ihr Leben, das der Einheit einer siamesischen Seele glich, wird dadurch zerstört.

Vielleicht stimmt es, dass ein paar Stunden die Bilanz eines Lebens beeinflussen können.

Immer wieder kehrt die Erzählung zu diesen Ereignissen des einen Tages zurück.

In Rückblenden und Zeitsprüngen werden dabei die Lebenssituationen der beteiligten Romanfiguren zusammengetragen:

Die Erwachsenen legen fest, wer wie geliebt werden darf.

Da monopolisieren Frauen die Gefühle, und Männer diktieren, was sie zu fühlen haben.

Da sind Betatscher und Ehemänner, die mit Vasen aus Messing ihre Frauen prügeln.

Frauen schlagen mit weniger offensichtlichen, doch ebenso wirksamen Mitteln zurück.

In Arundhati Roys Geschlechterkampf gibt es weder Gewinner noch Verlierer, auch nicht eindeutig umrissene Täter und Opfer. Sie versteht es, Spannung zu erwecken, selten ist etwas vorhersehbar.

Dabei ist ihre Sprache eigenwillig und originell. Radikal durchleuchtet sie in ihrem Roman das indische Kastensystem mit seiner doppelten Bürgermoral, seinen Konflikten und Verlusten und verficht unerschrocken die Emanzipation der Frau.

"Der Gott der kleinen Dinge" beschreibt die alltäglichen Dinge, in denen sich die bedeutungsvollen widerspiegeln.

© Jürgen Werner