KatholischeöffentlicheBücherei
St. Marien  Dortmund - Sölde
 

Buchbesprechung



Die Päpstin
von Donna Woolfork Cross

Eine Frau auf dem Stuhl Petri?

Die amerikanische Romanautorin D. W. Cross lässt ihre Heldin Johanna von Ingelheim zwischen zwei Extremen aufwachsen. Von der heidnischen Mutter lernt sie die Lebensweise und Gottheiten ihrer germanischen Vorfahren kennen und schätzen, der strenge Vater erzieht sie in einem christlichen Glauben, der Frauen und Mädchen entmündigt. Schnell erfasst sie diese Widersprüche.

Von ihrem ältesten Bruder lernt sie heimlich lesen und schreiben, und als ein Gelehrter ihre Fähigkeiten erkennt, wird sie trotz heftiger Widerstände seitens der Eltern seine Schülerin. Die Vorbereitung, sie mit dem Sohn des Dorfschmiedes zu verheiraten, beendet ihren Aufenthalt in einer Domschule. Sie flüchtet als Junge verkleidet nach Fulda in ein Benediktinerkloster. Endlich steht ihrem Studium nichts mehr im Weg. Hier im Kloster eignet sie sich ein umfangreiches Wissen an. Diese Ausbildung wird ihr später die Tore zum Vatikan öffnen, wo sie zunächst zum Leibarzt des Papstes Sergius, später zum Minister und Berater von Papst Leo ernannt wird. Nach dessen Tod wird die verkleidete Johanna zum neuen Papst gewählt und nennt sich fortan "Papst Johannes".

Legende oder Wahrheit? Im Roman hat D. W. Cross die Frage gelöst. Ihre Hauptfigur Johanna hat zwei Jahre lang von 843 bis 855 als erste Frau das Christentum regiert.

Im Nachwort ihres Romans betont sie jedoch, dass es weder einen gesicherten Beweis für die Existenz der Päpstin, noch einen ihrer Nichtexistenz gibt Sie leugnet auch nicht, einige historische Fakten an die dazugehörenden Spannungsbögen des Romans angepasst zu haben. Für den Historiker ein Problem, für den Roman eher nebensächlich.

Hier werden die Lebensumstände im frühen Mittelalter spannend und in atmosphärisch, prallen Alltagsbildern interessant beschrieben: wenn es durchs stinkende Flechtwerk der fränkischen Häuser eisig zieht, wenn Wikinger knöcheltief in Blut waten, Lepra, Pest und Feuer heillos wüten und Vergewaltigung noch kein Verbrechen ist. Auf dem Hintergrund dieser sozialen Situation veranschaulicht Woolfork Cross die Frage, welche Chance eine Frau hatte, sich den Rollenmustern ihrer Zeit zu widersetzen, wenn sie einen eigenen Kopf hatte, hungrig nach Bildung, und mit ihrer Intelligenz und ihrem Wissen gegen Dogmatismus und irregeleitete christliche Frauenbilder ankämpfen musste. Trotzdem will D. W. Cross in erster Linie unterhalten und nicht belehren. Dies gilt auch für die unverzichtbare Liebesgeschichte in dem Roman, also gab sie ihrer Heldin einen unerschrockenen Ritter mit auf den mühsamen Weg nach Rom. Dadurch bekommt der grundsätzliche Konflikt der Frau zwischen Familie und Karriere Konturen. Mit der Tatsache, dass der Geist kein Geschlecht kennt, konnten sich die Macht, Werte und Recht zuteilenden männlichen Autoritäten erst 1000 Jahre später anfreunden. Die wenigen weiblichen Ausnahmen wurden als vereinzelte Phänomene gedeutet oder in das Reich des Transzendenten verwiesen. So kämpfte Johanna nicht gegen die Werte der Zeit. Um nicht ihr Wesen aufzugeben, musste sie ihr Geschlecht verleugnen, wählte ihren Weg: frei und Frausein - nur in der männlichen Rolle!

Da gibt es für die Leser(Innen) nur einen Trost: tausend Jahre später zu leben.

© Jürgen Werner